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Leider musste ich im Laufe der Zeit feststellen, dass der Vorbesitzer den Wager in erster Linie mit Autopudding und nicht mit Werkzeug betreut hatte, die Technik war weitestgehend am Ende. Somit schlossen sich zwei Jahre an, die ich mit dem Austausch von allen möglichen Verschleißteilen zubrachte, zum Glück gibt es bei uns in der Nähe eine FIAT-Vertragswerkstatt, deren Inhaber auch ein Faible für mein Hobby hat und bei kniffligen Dingen wie z.B. Wechsel der hinteren Radlager tatkräftig und zu akzeptablen Preisen mitmachte.

Nachdem mir zu allem Überfluss im Sommer 2002 auch noch der Zahnriemen riss (zum Glück im Leerlauf), war auch eine Generalüberholung des Zylinderkopfes und der kompletten Ventilsteuerung fällig, was aber letztendlich meinem Spider wieder zu perfekter Kompression und exzellenten Laufeigenschaften des Motors verhalf, wie ich sie bis dato von meinem Auto noch nicht gekannt hatte.

Als Bonbon zum Schluss spendierte ich dem 124 noch eine neue 4-in-2-in-1-Auspuffanlage und war mit dem Gesamtergebnis dann doch so zufrieden, dass ich langsam anfing, auch größere Kreise um meinen Wohnort zu ziehen, ohne bei jedem undefinierbaren Geräusch oder Ruckeln sofort Schweißausbrüche zu bekommen.

Und als die Saison 2003 für uns am 01.April wieder losging, beschlossen meine Frau und ich, dass wir jetzt das Projekt angehen können, das uns schon länger als Fernziel vor Augen war: Mit dem Spider an den Comer See fahren.

Am Comer See würde Bellagio unser Ziel sein, schließlich ist das der Heimatort von „unserem" Italiener in Oppenheim. Severino würde es sicherlich als persönliche Beleidigung ansehen, wenn wir nicht dort und nicht über seine Vermittlung den Comer See besuchen würden. Um mich selbst zu zwingen, das ganze auch weiterzuverfolgen, besprachen wir eines Samstags alles in Severinos Restaurant am Marktplatz und er buchte für Ende Mai für zwei Nächte ein Doppelzimmer in Bellagio, damit würden wir insgesamt schon eine Woche rumbringen, da ich ohnehin davon ausging, dass mindestens ein Tag für irgendeinen Werkstattaufenthalt draufgehen würde.

Nebenbei wollten wir die Anreise mit einem eintägigen Aufenthalt im Elsass verbinden, schließlich gedachte ich insgeheim auch nicht, mein Auto gleich mit 800 Kilometern am Stück schockieren.

Als der große Tag der Abreise nahte, wurde natürlich das bis dahin perfekte Sommerwetter schlechter. Noch dazu hatte mein Sohn an diesem Tag sein letztes Fussballspiel mit anschließendem Grillen, außerdem wollten wir noch das letzte Spiel von Mainz 05 in dieser Saison anschauen, kurzum, es war alles so falsch, wie es nur sein konnte, also beschlossen wir, den Schwenk in das Elsass zu kippen und erst am nächsten Morgen aufzubrechen.

Tags drauf waren wir dann tatsächlich unterwegs. Wir fuhren bis Basel erst mal Autobahn, die Witterung gab ohnehin nichts anderes her, war ja auch kein Wunder, nachdem Mainz schon wieder nicht aufgestiegen war; alles lief glatt und kurz vor Basel verließen wir die Autobahn, um gemütlich über Landstrassen durch die Schweiz zu gondeln.

Kurz vor dem malerischen Minigrenzübergang kommt dann meine Gaby zu der glorreichen Erkenntnis, dass sie keinen Ausweis dabei hat und darüber hinaus schließlich überhaupt kein Dokument, dass Rückschlüsse auf ihre Identität zuliesse. Meine Freude über das anstehende Diskussionsaufkommen an der Schweizer Grenze hält sich kaum in Grenzen. Ich bin schon ausreichend damit beschäftigt, um mein Auto zu zittern, dessen mechanischen Totalausfall ich trotz Abwesenheit jeglicher Anzeichen dafür jeden Moment erwarte.

An der Grenze angekommen konfrontieren wir den deutschen Grenzer mit unserem Problem und ernten das erwartete gequälte Gesicht. Jeden normalen Menschen würde er sicherlich zurückschicken, aber Gaby hat in solchen Situationen irgendwie immer das Talent, unwillige Gesprächspartner zu bekehren. Jedenfalls stellt der Grenzbeamte nach ewigem Hin und Her und Gesprächen mit Chef und Unbekannten am Telefon unter Stöhnen und Schnaufen einen vorläufigen Ausweis aus, der noch nicht mal ein Passbild enthält, wir haben ja schließlich auch keins dabei. Das Ganze übergibt er uns für einen Obolus von 15 € und mit dem Hinweis, dass weder die Schweizer noch die Italiener dieses Dokument anerkennen müssen.

Während der ganzen Prozedur steht 25 m weiter der Schweizer Zöllner und schaut sich das Ganze in aller Ruhe an. Als wir uns nun dem Posten nähern, passiert, was passieren muss. Er will nun unbedingt mal sehen, was wir da so lange getrieben haben und erklärt uns in epischer Breite, dass das so aber alles nicht geht usw. usf. Vollkommen klar, der Grenzer will bekniet werden, und so was kann ich nicht. Aber Gaby schafft es auch diesmal und wir werden „ausnahmsweise" durchgelassen.

Diese Hürde war geschafft, als nächstes galt es, den Gotthard-Pass zu bezwingen, das wollte ich aus irgendwelchen Gründen mit meinem Auto immer machen. Und alles funktioniert bestens. Das standen wir nun am Hospiz, um uns noch jede Menge Schnee und Nebel und irgendwie war alles extrem undramatisch.

Nach wenigen Minuten der Andacht setzten wir uns also wieder ins (immer noch geschlossene) Auto und begannen mit dem „Abstieg". Leider funktionierte der Effekt nicht, der immer von allen beschworen wird, und den ich auch aus Zeiten meiner Kindheit mit Papas Renault 16 kannte, dass das Wetter auf der Südseite des Gotthard das Vorzeichen wechselt. Es blieb diesig und nass, aber immerhin fuhr mein Auto ohne Mucken...

Und alles wird gut. Je näher wir dem Grenzübergang Chiasso kommen, desto besser wird das Wetter. Von meiner Stimmung kann man das noch nicht behaupten, schliesslich steht uns ja die nächste Hürde bevor, die Schweizer müssen uns noch raus-, und die Italiener reinlassen. Als wir an die Grenze kommen, sieht es zunächst ganz gut aus, der Schweizer Grenzposten ist unbesetzt, aber auf der italienischen Seite stehen sie gleich zu viert rum. Ich zeige Willigkeit und habe bereits unsere Papiere im Anschlag, Gabys merkwürdiges Pseudodokument etwas hinter meinem Personalausweis geschoben. Aber diesmal hat das Schicksal ein Einsehen mit uns, das uniformierte und spiegelbebrillte Flintenweib, welches offenbar die „Chefin" ist, winkt uns superuninteressiert durch und wir sind in Italien! Ich drücke ein bisschen auf die Tube, der neue Auspuff untermalt unsere Einreise akustisch adäquat. Hoffentlich fahren die mir jetzt nicht am Ende auch noch hinterher. Aber nichts passiert.

Als erstes fahren wir mal raus aus dem Ort in Richtung Bellagio und bei der erstbesten Möglichkeit wird dann gehalten und endlich das Verdeck aufgemacht. So langsam lasse ich auch locker und wir reisen in aller Gemütlichkeit die malerische Küstenstrasse entlang. Links der See und rechts die Berge, einfach traumhaft.

In Bellagio angekommen suchen wir erst mal unser Hotel, laden alles aus und ich will nachsehen, wie es unter der Motorhaube aussieht. Ein kurzer Blick auf dem Parkplatz reicht schon aus, alles in bester Ordnung. Von der Hotelterrasse haben wir einen phantastischen Blick auf den See, jetzt kann der Urlaub losgehen. Als erstes fahren wir runter in den Ort und stellen unser „Schätzchen" stilecht an der Hafenpromenade ab, setzen uns in das gegenüberliegende Cafe und geniessen die Szene, die hier für uns aufgeführt wird. Immer wieder riskiert mal jemand einen Blick in unseren Fiat, ich habe bis hier noch keinen anderen Spider gesehen, dabei dachte ich, die würden hier zu Hunderten rumfahren.

Die nächsten zwei Tage verbringen wir mit dolce fa niente, lassen es uns kulinarisch gut gehen, machen eine Bootstour auf dem Comer See und sitzen spätabends noch auf der Terrasse unseres Hotels beim Rotwein und genießen einfach den nächtlichen Ausblick auf die kleinen Örtchen, die den See umranden. Wir besuchen Severinos Bruder, der in Bellagio einen Supermarkt betreibt. Von diesem werden wir noch mit Salami eingedeckt, die uns im weiteren noch gute Dienste leisten sollte. Jetzt saßen wir abends wieder auf „unserer" Terrasse über dem See und ich sagte so nebenbei dass wir ja eigentlich, jetzt wo unser Auto so klasse gelaufen ist und wir noch ein paar Tage Zeit haben, nun auch noch bis ans Meer fahren könnten.

Was zunächst als Scherz zwischen uns hin und her ging, wurde dann langsam zum Plan und die Euphorie gab es her, dass wir am nächsten Morgen kurzentschlossen wieder unsere Sachen packten, um in Richtung Mailand aufzubrechen. Unser Auto schien zu merken, dass es in heimischen Gefilden ist und schnurrte trotz Hitze sowohl auf der Schnellstrasse als auch im Mailänder Berufsverkehr friedlich vor sich hin. Und so kam es dann, dass wir am Ende eines langen Tages im offenen Spider braungebrannt Genua und Savona hinter uns gelassen hatten, um am Meer entlang fahrend in Finale Ligure zu landen, wo wir uns in eine kleine Albergo einnisteten und erschöpft aber zufrieden und reichlich dehydriert in einem Strandcafe den Abend verbrachten.

Mittlerweile waren wir so dem Reisefieber verfallen, dass wir am selben Abend noch den Entschluss fassten, am nächsten Morgen gleich bis Nizza weiterzufahren, um dann in Ruhe Richtung Heimat aufzubrechen. Der nächste Tag war ein Traum. Blitzblauer Himmel, links das Meer, rechts die Berge und bei Ventimiglia ein Grenzübertritt von EU-Land nach EU-Land, welcher uns hässliche Szenen mit unzureichenden Dokumenten ersparte. Ein Wermutstropfen kam allerdings jetzt ins Spiel, ich hatte zwar meine nagelneue Digitalkamera dabei und mittlerweile auch gut 80 Bilder geschossen, aber jetzt, wo es erst richtig spannend wurde, war der Akku alle und ich musste feststellen, dass ich zwar ein Drittel meines nicht sonderlich geräumigen Kofferraumes vollgepackt hatte mit Werkzeug, um mindestens mal die Hinterachse wechseln zu können, dabei allerdings vergessen hatte, das Ladegerät der Kamera einzupacken. Schöne Scheiße, aber das sollte unsere Urlaubsfreude nicht sonderlich trüben. Sollen die anderen doch von mir aus zweifeln, dass wir es bis hierher geschafft haben, Hauptsache, unser Fiat lief, und das tat er wirklich so, dass es kaum besser möglich war.

Nach erfolgreichem Auffinden eines viel zu teuren Zimmers in Menton brachen wir am nächsten Morgen nach Monte Carlo auf, Gaby war noch nicht dort gewesen und ich wollte doch unbedingt mein Spiderchen auch mal am Casino vorbeichauffieren. Wäre ich nicht so desinteressiert an Sport, so wäre ich mir schon seit Tagen über das klar gewesen, worüber ich nun über ein Hinweisschild belehrt wurde, das am Straßenrand an mir vorbeirauscht: „Grand Prix de Monaco", und zwar an drei Tagen - heute ist der erste -. Wenn ich schon mal was plane...

Naja, wir schauen mal, wie weit wir kommen. Oberhalb von Monaco kann man schon das Gekreische der offenen Motoren hören, der Blick von oben auf die Kulisse mit diesen total hässlichen Hochhäusern in der Mitte und den abwegig großen Yachten im Hafen. Wir probieren es und fahren einfach den Wegweisern nach, bis uns Polizeiabsperrungen zum „Abdrehen" zwingen. Wir können zwar nicht bis ganz runter fahren, aber doch immerhin durch die Strassen um Monaco herum und der ganze Zirkus ist schon klasse. Teure Autos, Typen mit Ferrari-Overalls auf Motorrollern mit Ferrari-Aufdruck, silbergraue Mercedes-Trucks usw., wir lassen uns einfach durch die Stadt treiben und finden es gut. Sinnigerweise kann ich nun noch nicht einmal „Beweisfotos" von der Tatsache machen, dass mein Fiat es tatsächlich bis hierher geschafft hat, aber deshalb extra eine von diesen merkwürdigen Einwegkameras zu kaufen, finde ich dann auch eher blöde.

Wir lassen Monaco hinter uns und fahren noch weiter bis Nizza, zumindest hier können wir ungestört ein bisschen Promenade fahren und Leute gucken. Aber jetzt noch mal nach einem Parkplatz suchen wollen wir beide nicht, schließlich wollen wir auch noch ein bisschen abhängen an unserem letzten echten Urlaubstag, morgen müssen wir schon wieder in Richtung Heimat aufbrechen...

Nach einem schönen Abend an der Strandpromenade von Menton und einer schwülwarmen Nacht ist es dann leider soweit. Wir fahren noch mal die Küstenstrecke an Monaco vorbei, ich versorge mein Auto in Monaco noch mit ein bisschen „Formel 1"-Sprit, und dann geht's wieder Richtung Norden. Von Nizza aus über die sensationell schöne N 202 nach Digne und von dort nach Grenoble. Diese Strecke ist einfach einmalig, die werden wir auf jeden Fall bei unserer nächsten Fahrt ans Mittelmeer in anderer Richtung wieder nehmen.

Ich fange trotzdem wieder an zu zittern, dass mein Spider jetzt den Braten riecht und vielleicht noch nicht nach Hause will, Autos sind ja schließlich auch nur Menschen. Dann kommt noch dazu, dass wir erst am Samstag gegen 17:00h in Grenoble ankommen. Die Landstrassenfahrerei macht zwar Spaß, aber zuhause warten die Kinder auf uns und die Oma ist bestimmt auch schon ganz hummelig. Also fällen wir den schweren Entschluss, dass Verdeck zuzumachen (dabei fällt mir auf, dass wir seit Mailand offen gefahren sind!), und ab hier Autobahn zu fahren.

Ich will das Schicksal nicht herausfordern und zuckele mit 110 km/h in Richtung Mulhouse. Das nervt zwar, weil ich merke, dass bei jedem Druck aufs Gaspedal richtig Zug reinkommt, aber lieber nicht. Letztendlich passieren wir gegen Mitternacht völlig undramatisch die Grenze und sind wieder auf der A5 Richtung Frankfurt. Ich genehmige mir jetzt 140 km/h, schließlich hat mein Auto alles super gemacht und ich denke mir, dass es jetzt auch heim will.

Um knapp 2:00h morgens biegen wir schließlich wieder nach einer Woche in unsere Wohnstrasse ein, fertig, aber zufrieden bleiben wir noch ein bisschen im Auto sitzen und beenden unsere Tour auch mental. Ein Blick auf den Tacho tut mir kund, dass wir 2560 km Spider gefahren sind, ohne dass auch nur das geringste vorgefallen ist – sensationell! – Und das ist darüber hinaus auch eine ganz schöne Distanz für die Route Oppenheim – Comer See – Oppenheim.

Dass das alles so reibungslos vonstatten ging, hätte ich nicht gedacht. Dafür bekommt mein Auto im Herbst für den nächsten Sommer ein neues Getriebe spendiert (mittlerweile kann ich jeden Gang am Geräusch erkennen) und so wie es aussieht, wird uns die nächste Frühjahrstour wohl zur Mille Miglia führen. Dann aber mit weniger Werkzeug und dafür Badesachen und Ladegerät für die Kamera...

Markus Stübchen